Weisse Blütenstandswolken, feinfiederige, duftende Blätter – eine Schönheit ist sie, die Schafgarbe. Aber erst auf den zweiten Blick einzigartig. Schönheitskonkurrentinnen auf der Wiese sind die Wilde Möhre, der Kerbel, ein Baldrian und andere Weissblütige.
Was macht sie also einzigartig? Die feinen, fiederschnittigen Blättchen der Schafgarbe sind gegenständig. Die Blütenstände – für manche vielleicht überraschend – sind zusammengesetzt aus vielen «Blümchen», von denen jedes aus Zungen und Röhrenblüten besteht. Zudem ist jedes «Blümchen» von Hüllblättern eingepackt. Es handelt sich also um einen Korbblütler. Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern der Familie der Korbblütler bildet die Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium) keine Flug-Schirmchen wie der Löwenzahn aus. Botaniker nennen diese Schirmchen Pappusborsten.
Zur Bestäubungsbiologie
Die Blüten der Korbblütler sind zwar klein, haben aber im Verlaufe der Evolution viele schlaue Eigenschaften ausgebildet. Ein Insekt, das die Blüte bestäuben soll, interessiert sich für den Pollen und den Nektar. Ob es dabei die zarten Fruchtblätter, aus denen die Samen entstehen, beschädigt oder nicht, kümmert es wenig.
Die Pflanze muss daher drei Probleme lösen:
* Die Blüten sollen gut sichtbar und attraktiv aussehen, damit sie besucht werden.
* Es muss verhindert werden, dass der Fruchtknoten beschädigt wird vom Bestäuber.
* Die Belohnung in Form von Nektar muss vor Räubern geschützt werden.
Nicht ganz einfach. Welche Lösung haben die Korbblütler gefunden?
* Statt grosse Blüten bilden sie nur kleine, dafür viele, die dann aussehen wie eine grosse Blume. So erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass genügend Samen produziert werden können, ohne an Attraktivität zu verlieren.
* Das Fruchtblatt wird zuunterst in der Blüte versteckt, so dass die besuchenden Insekten nur bis zu den Staubblättern und zur Narbe gelangen können, wo sie ihre Aufgabe als Bestäuber erledigen.
* Die Staubblätter sind zu einer Röhre verwachsen, so dass ein Nahrung suchendes Insekt gezwungen ist, sich an den Staubblättern vorbeizudrücken, um zum Nektar zu gelangen. Zusätzlich können so die willkommenen Bestäuber ausgewählt werden – je nachdem wie lang der Rüssel sein muss, um den süssen Trunk zu erreichen.
Zungenblüten am Rand

A Fruchtknoten B Haare (Pappus = umgewandelte Kelchblätter)
C Zu einer Röhre verwachsene Staubbeutel D Zunge (Blütenblatt) E Zweiästiger Stempel
Röhrenblüten in der Mitte

A Fruchtknoten. B Blütenkrone C Zu einer Röhre verwachsene Staubbeutel.
D Zweiästiger Stempel E Haare (Pappus = umgewandelte Kelchblätter)
Betrachten wir nun das Körbchen
Im Zentrum des Körbchens sind alle Blüten noch geschlossen, das Innere bleibt unsichtbar. Sie sind noch nicht reif.
In halber Distanz zum Rand gibt es offene Blüten mit einer Art Röhre gekrönt von einer Keule, die mit Pollen bestäubt ist. Diese präsentieren also nur die männlichen Organe.
Am Rand sind geöffnete Blüten mit einer gespaltenen Zunge in der Mitte. Das sind die beiden Narben, also die weiblichen Organe.
Wir haben also Blüten in drei verschiedenen Zuständen: unreif in der Mitte, männlich in halber Distanz und weiblich am Rand.
Die Keule wird von den Staubfäden gebildet, die an den Staubbeuteln verwachsen sind. Die Staubbeutel öffnen sich nach innen, in die Röhre hinein. Der Griffel mit den noch zusammengeklappten Narben wächst durch die Röhre hindurch und schiebt den Pollen nach aussen. Die Narben können also noch nicht bestäubt werden. Später öffnen sich die beiden Narben und können nun Pollen von einer anderen Blüte empfangen.
Wer hätte eine solche Raffinesse bei einer so gewöhnlichen Pflanze erwartet!
Was haben Stare mit der Wiesen-Schafgarbe vor?
Stare sammeln Blüten von der Wiesen-Schafgarbe und vom Schwarzen Holunder und tragen sie in ihr Nest. Die aromatischen Inhaltsstoffe dieser Pflanzen stärken das Immunsystem der Nestlinge. Stare als Präventivmediziner!
Heilpflanze mit vielen Namen
Nicht nur Schafe nutzen die Pflanze bei Magen-Darm-Beschwerden. Sie heisst nicht umsonst auch Bauchwehkraut, Hämperchnöpfli, Lämmlizunge, Blutstillkraut, Jungfernkraut, oder Garbewurz und viele mehr.
Schon seit der Antike wird die Schafgarbe als Heilmittel verwendet. Innerlich kann das Kraut appetitanregend wirken und hilft bei leichten Magen-Darm-Krämpfen oder Menstruationsbeschwerden.
Äusserlich kann sie die Heilung von kleinen oberflächlichen Wunden sowie von Schleimhautentzündungen unterstützen.
Wie sie zu ihrem Namen kam
Hirten haben seit alter Zeit beobachtet, dass die Schafe sie nur fressen, wenn sie Magen-Darm-Beschwerden haben. Sonst lassen sie sie lieber stehen.
Der wissenschaftliche Name Achillea millefolium kommt aus dem Epos von Homer, aus der griechischen Sagenwelt. Der grosse Krieger Achilles wurde vom pflanzenkundigen Zentaur (Wesen halb Pferd, halb Mensch) erzogen. Die Kenntnisse der Heilpflanzen nutzte Achilles um die Wunden des Königs Telephos mit Schafgarbe zu heilen.
Millefolium heiss tausend Blätter. Auch wenn die Zahl der Fiederchen des Schafgarbenblattes längst nicht bei Tausend liegt, so sind es doch viele und der Name passt.
Text und Fotos: Ruth Macauley Schemata: Wikipedia
