Linden – Wohnhaus und Bastlieferantinnen

15.07.2026

Beide Lindenarten, die bei uns heimisch sind, wachsen meist als Einzelbäume oder in kleinen Gruppen. Weil sie ihre Blätter fächerartig ausbreiten, können sie viel Licht einfangen und gleichzeitig viel Schatten spenden.
Linden sind Meisterinnen darin, abgebrochene Äste zu ersetzen. Sie können nämlich aus schlafenden Knospen neu austreiben. 

Lindenblätter
Die Blütezeit der Linden beginnt Mitte Juni. Zuerst öffnet die Sommer-Linde ihre Blüten, etwa zwei Wochen später folgt die Winter-Linde, zuletzt blüht noch die Silber-Linde (nicht einheimisch). Linden blühen vormännlich, das heisst, der Pollen in den Staubbeuteln reift vor der Narbe. So wird Selbstbestäubung vermieden. Die Blüten liefern sehr süssen Nektar: Je nach Tageszeit enthält der Nektar zwischen 25% und 70% Zucker! Zahlreiche Insekten laben sich an dieser spät blühenden Tracht, wenn das Angebot an anderen Nahrungsquellen bereits abgenommen hat. 
Winter-Linde
Aus dem Fruchtknoten entwickelt sich ein Nüsschen, das oft bis weit in den Winter hinein am Baum hängen bleibt und den Vögeln Nahrung bietet. Mit Hilfe des Hochblatts können die Nüsschen vom Wind fortgetragen werden. Ein bis zwei Jahre nach der Reife müssen die Nüsschen wegen ihrer harten und wasserundurchlässigen Schale warten, bis sie keimen können.

Samen der Linde
Als Habitatbäume sind sie für viele schützenswerte Arten wichtig. Linden können sehr alt werden (bis 1000 Jahre), haben eine grobe Rindenstruktur und weiches Holz. Sie werden daher oft von Pilzen befallen, die grosse Faulhöhlen schaffen, ohne dass der Baum deswegen abstirbt. Diese Hohlräume bieten Vögeln und Fledermäusen Nisthöhlen. In selten gewordenen Mulmhöhlen tummeln sich Insekten und breiten sich Pilze aus. Der Buntspecht legt im Frühling Ringelungen an, das heisst, er schlägt horizontal einige Male in die Rinde und leckt den austretenden Baumsaft auf. Die Blätter werden von den Raupen verschiedener Schmetterlinge angeknabbert, zum Beispiel von den Raupen des Linden-Blütenspanners, die sich fast ausschliesslich von Lindenblättern ernähren. Kernbeisser, Grünlinge, Buchfinken, Kleiber, Meisen fressen die Nüsschen der Sommer-Linde, deren Schale weich genug ist, um aufgepickt zu werden.
Im Frühling kann man manchmal Ansammlungen von Feuerwanzen unter Linden beobachten. Sie saugen an herabgefallenen Lindenfrüchten und toten Insekten.
             
Milbenhäuschen: Auf der Blattunterseite sind in den Winkel der Nerven kleine Haarbüschel. Milben agieren als Hausbesetzer unter den Haarbüscheln und halten dafür die Blattunterseite frei von Pilzsporen, die dem Blatt schaden könnten.
     
Lindenholz ist Schnitz- und Drechselholz. Weil Lindenholz weich ist und eine gleichmässige Struktur hat, lässt es sich leicht bearbeiten. Viele Altäre aus dem Mittelalter sind aus Lindenholz geschnitzt. Auch heute verwenden Schnitzer oft Lindenholz.

 

                                                                                                    

Bastgewinnung: Alle Baumstämme sind grundsätzlich gleich aufgebaut (Siehe Schema). Bei den Linden sind die Bastfasern kompakt geschichtet und langfaserig. Sie eignen sich deshalb besonders gut zum Herstellen von Seilen aller Art. Die noch junge, glatte Rinde – vor der Borkenbildung – wird geschält und mehrere Wochen in Wasser eingelegt, bis sich der Bast in einzelnen, dünnen und langen, bis mehrere Zentimeter breiten Lagen herauslösen lässt.                                                    
Heilmittel: Den Lindenblütentee kennen alle. Er hilft bei einer Vielzahl von Erkrankungen. Seine wärmende, schweiss- und harntreibende, krampfstillende, beruhigende Wirkung macht ihn zu einer Allzweckwaffe gegen Alltagskrankheiten wie Erkältungen.

Unterschiede Sommer-Linde und Winter-Linde

Sommer-Linde Winter-Linde
Blätter: gross, ein wenig rau, Unterseite mit weisslichen Haarbüscheln in den Achseln der Blattadern Blätter: kleiner, rau.                                                     
Blüten: gelb, duftend Blüten: weisslich oder blassgelb, duftend
Früchte: hart, 5-kantig Früchte: weich, 2-3-kantig

Das Bestimmen der Linden ist manchmal schwierig, weil es viele Kreuzungen und Sorten gibt.
Einfach zu bestimmen ist aber die Silber-Linde (Tilia tomentosa), die oft in Städten angepflanzt wird, weil die Blattunterseiten behaart sind und silbrig glänzen.

Zur Kulturgeschichte der Linde
Bei der Linde geht es immer um Einzelbäume, wie die Dorflinde, die Tanzlinde, die Kirchlinde, die Gerichtslinde.  Man kann sich gut vorstellen, wie sich das Getümmel an Dorffesten unter der Dorflinde abgespielt haben könnte. Da wurde getanzt, geschwoft und getrunken. Heute noch heissen viele Gasthöfe «Zur Linde».
Das Lied «Am Brunnen vor dem Tore» kennen alle älteren Semester noch.
Unter Linden wurde auch Gericht gehalten, hier musste man die Wahrheit sagen! Gerichtslinden waren oft auch gleich Hinrichtungsstätten. Sie standen meist ausserhalb des Dorfes.
Für den Drachenbezwinger Siegfried aus den Nibelungen war eine Linde Schicksalsbaum: beim Bad im Drachenblut war ein Lindenblatt auf seinen Rücken zwischen die Schulterblätter gefallen. Das war seine verwundbare Stelle, die sein Kontrahent Hagen ausnutzte, um ihn zu töten. 

Text und Bilder: Ruth Macauley