Seit einigen Jahren schon ist das Oberengadin Thema bei der Programmgestaltung. Aber: zu weit für eine zweitägige Exkursion! Nun packen wir die Chance anlässlich des zehnjährigen Bestehens unseres Vereins und wagen eine dreitägige Exkursion. Am Freitagmorgen fahren wir nach Pontresina, deponieren unser Gepäck ennet der Strasse in der Jugendherberge und fahren gleich weiter bis zum Bahnhof Morteratsch.
Wir stehen vor einem riesigen Forschungslabor und Freilichtlehrbuch zum Klima: das Gletschervorfeld des Morteratschgletschers. Zunächst deutet nichts auf den Gletscher. Wir befinden uns in einem Lärchen-Arven-Wald. Hier ist es seit gut 100 Jahren eisfrei.
Langsam führt der breite Weg aufwärts. Den hohen Bäumen folgen Weidengebüsche mit Lavendel-, Stink-, Lorbeer-, Purpur- und Schwarzwerdender Weide. Jede Art hat unterschiedlich gestaltete und gefärbte Blätter. Viele Arten sind leicht bläulich. Beim Aufblicken sind die Arbeiten der drei Baumeister des Tales zu sehen. Der Gletscher hat in geduldigem Schleifen eine breite Talsohle mit hohen Seitenmoränen geschaffen, Steine unterschiedlicher Grösse transportiert und abgelagert, Felsen mit Sand glattgeschliffen, das Wasser hat Gräben gezogen und die Schwerkraft Steine und grosse Felsbrocken an den Fuss der Seitenmoränen verfrachtet.

Seitenmoräne: So hoch stand der Gletscher vor 160 Jahren Gletscherschliff auf den Felsen
Gletscher ziehen sich zurück und stossen vor. Dort, wo der Schnee das ganze Jahr liegen bleibt, bildet sich über die Jahre Eis, das den Gletscher nährt. In den letzten Jahrzehnten allerdings ist das Nährgebiet immer kleiner geworden und so «magert» der Gletscher ab, das heisst, er zieht sich zurück, aktuell gegen 20 Meter pro Jahr. Trotzdem ist er immer noch ein beeindruckender Schwerarbeiter. Das Eis fliesst mit einer Geschwindigkeit von 40 Metern pro Jahr talwärts und schleppt über 5 Millarden Tonnen Steine mit.
Inzwischen ist die Vegetation lückig und artenarm geworden, und ein kühler Wind weht herab. Hier lag vor wenigen Jahren noch Eis. Pionierpflanzen wie Moosartiger Steinbrech, Wundklee, Kriechende Nelkenwurz, Fleischers Weidenröschen, Zitter-Pappeln bereiten das Terrain für grössere Arten mit höherem Nährstoffbedarf und stabilisieren den beweglichen Untergrund. Zu diesem Zweck haben sie verschiedene Taktiken entwickelt: Lange, unterirdische Ausläufer, Teppichbildung, Triebe, die sich strecken können, und Polsterwuchs.
Moosartiger Steinbrech (Saxifraga bryoides) Kriechende Nelkenwurz (Geum reptans)
Nach dem Rückweg genehmigen wir uns im Restaurant Morteratsch eine Erfrischung.
Der Samstag ist den Weiden auf der Passhöhe des Berninapasses gewidmet. Zunächst aber erkunden wir mit Hilfe von Pflanzen-Namenskärtchen den Felsen bei der Station Ospizio Bernina. Es kommen allerlei Arten zusammen! Dann wandern wir nordwärts über dem gestauten Lago Bianco, der aktuell sehr wenig Wasser hat. Typische Vertreter des sauren Untergrunds begegnen uns. Unter vielen anderen: Bärtige Glockenblume, Krainisches Graues Greiskraut, das nur in Graubünden vorkommt, Sternblütiges Hasenohr, die leuchtende Arnika und natürlich das Borstgras. Auf den Felskuppen wachsen Teppiche von Alpenazaleen, die bereits Beeren bilden, und Zwerg-Wacholder. Neben einem Bächlein hat sich ein kleines Feuchtgebiet gebildet mit Fettblatt, Bach-Steinbrech und Sternblütigem Steinbrech, in einem ausgetrockneten Tümpel hat sich Scheuchzers Wollgras bereits das weisse Käppchen aufgesetzt.

Bei der Wasserscheide zwischen dem Lago Bianco und dem Lej Nair liegt auch die Sprachgrenze zwischen Rätoromanisch im Engadin und Italienisch im Puschlav. Auf etwas breiterem Weg, auf dem uns die Biker gut passieren können, wandern wir bis zur Station Bernina Lagalb. Eine kleine Gruppe hat noch nicht genug vom Wandern, steigt bei der Station Morteratsch aus und wandert zurück nach Pontresina, wo sich die Gruppe beim Nachtessen wieder trifft.
Am Sonntag fahren wir hinauf zur Diavolezza. Die Aussicht auf die Bernina mit dem Biancograt, dem Piz Palü mit seinen drei Rippen ist überwältigend – trotz viel vom Eis freigegebenem, schwarzem Fels.
Blick auf den Piz Palü
Nachdem wir uns erst einmal sattgesehen haben, schwärmen wir aus auf der Suche nach den Kämpfern unter den Pflanzen, die den unwirtlichen Verhältnissen auf dreitausend Metern trotzen. Sie alle sind klein gewachsen, um vom Wind nicht weggeweht zu werden, von der schützenden Schneedecke im Winter zu profitieren und die Wärme der von der Sonne aufgeheizten Felsen ausnutzen zu können.
Zum Beispiel Gletscher-Hahnenfuss, Moosartiger Steinbrech, Gefurchter Steinbrech, Bayerischer Enzian und Himmelsherold! haben wir gefunden. Daneben eine Eichenblatt(?)-Spinne und ein paar Schmetterlinge. Mit vielen unvergesslichen Eindrücken sind wir nach Hause zurückgekehrt.
Text und Bilder: Ruth Macauley
