Fingerhüte - die Giftigen

15.06.2026

Zwei gelbe und einen roten Fingerhut kennen wir in der Schweiz: Den roten (Digitalis purpurea) vielleicht vor allem aus den Gärten, aus denen er ab und zu ausbüxt, denn eigentlich ist er im westlichen Mittelmeerraum beheimatet. Unsere beiden einheimischen sind gelb: Der grossblütige Fingerhut (Digitalis grandiflora) und der Gelbe Fingerhut (Digitalis lutea), der im Jura der häufigere ist. Beide wachsen gern in lichten Wäldern.

Die Fingerhüte gehören in die Familie der Wegerichgewächse. Das ist auf den ersten Blick alles andere als einleuchtend. Beim genaueren Hinschauen gibt es aber eine Gemeinsamkeit: bei allen Wegerichgewächsen, also auch bei unseren Fingerhüten, sind die Staubbeutel parallel zueinander und haben eine V-förmige Basis. Ganz schön knifflig, das zu beobachten! 
Die einem Fingerhut gleichenden Blüten richten sich nach dem Licht und schauen daher alle in die gleiche Richtung. Wegen den prächtigen Blüten, die lange halten, sind die Pflanzen sowohl bei Gärtnern und Gärtnerinnen als auch bei den Hummeln sehr beliebt. Ganz so einfach ist es für die Hummeln aber nicht, zum reichlichen Nektar zu gelangen, denn die Staubbeutel sind tief in der Krone versteckt. Da ist es gut, wenn ein auffälliges Wirtshausschild auf den Schmaus aufmerksam macht, und ein praktischer Landeplatz tut ein Übriges. Der Blüteneingang ist nämlich mit Flecken versehen, die hungrige Hummeln magisch anziehen. Kleinere Insekten werden ausgesperrt: borstige Haare schützen den Blüteneingang. Die Blüten sind vormännlich, das heisst, die Staubblätter reifen zuerst, die Narbe ist erst später bereit für die Bestäubung. Der Trick, den sie mit den Hummeln zusammen entwickelt haben, ist nun folgender: Die Blüten öffnen sich von unten nach oben. Wenn die unteren sich bereits im weiblichen Stadium befinden, sind bei den oberen erst die Staubbeutel reif. Die Insekten wissen das und fliegen die unteren Blüten zuerst an und arbeiten sich dann nach oben. Oben angekommen fliegt das Tier zur nächsten Pflanze und beginnt mit dem eben geernteten Pollen wieder unten bei den Blüten im weiblichen Stadium So wird die Fremdbestäubung sichergestellt. Ganz schön clever.

Unterscheidungsmerkmale Gelber und Grossblütiger Fingerhut
Der gelbe Fingerhut hat hellgelbe Blüten, während sie beim Grossblütigen sattgelb sind.
Beim gelben Fingerhut hat die Krone zwei spitz dreieckige Zipfel, während die Oberlippe des Grossblütigen Fingerhuts mehr oder weniger ganzrandig ist.

Blüte des Gelben Fingerhuts
Was aber, wenn er nicht blüht?
Beim Gelben Fingerhut ist der Stängel kahl, die Blätter sind am Rand fein bewimpert, beim Grossblütigen Fingerhut sind Stängel und Blattunterseite behaart.

Blatt des Grossblütigen Fingerhuts mit borstigen Haaren
Verwendung in der Medizin
Alle Fingerhüte sind sehr giftig, sie gehören zu den giftigsten Pflanzen überhaupt. Dennoch werden sie in der Medizin eingesetzt bei Herzproblemen.

Feen und Füchse
In englischen und irischen Sagen dient der Fingerhut den Elfen als schmucke Kopfbedeckung, während böse Feen die Blüten den Füchsen geschenkt haben sollen. Als Socken verwendet hätten sich die Füchse mit den Blüten an den Pfoten lautlos in Hühnerställe geschlichen und dort ihr Unwesen getrieben haben.

Bilder und Text: Ruth Macauley